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Kathedralen der Steinzeit
2009 | ZDF Terra-X, 45 Minuten
Kathedralen der Steinzeit

Sie finden sich verstreut ber ganz Mitteleuropa, die geheimnisvollen Spuren aus ferner Vergangenheit. In Deutschland, in sterreich, Tschechien, Polen oder Ungarn: berall und fast jedes Jahr entdecken Archologen weitere rtselhafte Ringe, gewaltig in ihren Ausmaen, mit einem Durchmesser von bis zu zweihundert Metern. Die Luftbildarchologie bringt sie zum Vorschein und sie fhren, wie wir heute wissen, fast siebentausend Jahre zurck, ans Ende der Steinzeit. Zu einer Kultur, die zum ersten Mal mitten im Herzen Europas monumentale Bauwerke errichtete. Whrend sich die Wissenschaftler weitgehend darin einig sind, wie diese riesigen Erdwerke einmal ausgesehen haben tief eingeschnittene kreisrunde Grben, blickdichte Palisaden aus Holz, mit Toren, die ber Erdbrcken zu erreichen waren sind die Bedeutung, die Funktionen der Monumente noch immer umstritten.



Ein Film von Wolfgang Wrker
Kamera: Riccardo Brunner
Schnitt: Jrg Schmmel
Musik: Silke Matzpohl
Sprecher: Gert Heidenreich
Redaktion: Hans Helmut Hillrichs


Waren es, so die ersten Hypothesen, Fliehburgen oder Krale, in denen Vieh zusammengetrieben wurde? Oder dienten sie als Versammlungsort, als Opferplatz oder anderweitige Kultsttte? Waren sie eine Art steinzeitlicher Kathedrale, Heiligtmer einer Lebenswelt, die schon damals weit entwickelt war? Nicht zuletzt finden sich viele Indizien dafr, dass die kreisrunden Anlagen auch astronomische Bezge hatten, dass sie Kalenderbauten waren, Orte, an denen der Himmel beobachtet wurde, um den besten Zeitpunkt fr Aussaat oder Ernte abzulesen. Und das alles lange vor Stonehenge und lange vor den Pyramiden gyptens.

In Goseck an der Saale wurde eine Anlage an ihrem ursprnglichen Ort rekonstruiert: angeblich das lteste Sonnenobservatorium der Welt. Mehr als tausend Eichenstmme bilden einen doppelten Palisadenring mit drei Eingngen. Tatschlich geht die Sonne am krzesten Tag des Jahres genau hinter dem sdstlichen Tor auf und hinter dem sdwestlichen Eingang unter. Nicht weit von Goseck entfernt wurde die berhmte Himmelsscheibe gefunden. Ihre goldenen Horizontbgen markieren gleichfalls die Wintersonnenwende. Steinzeitliches Wissen auf einer bronzezeitlichen Scheibe, sagt Dr. Harald Meller, der Landesarchologe Sachsen-Anhalts, eine spannende Angelegenheit. Das zeigt uns, dass die Wissensvermittlung in nicht schriftlichen Kulturen selbstverstndlich nicht immer linear verluft, sondern merkwrdige Umwege geht.

Genauso spannend wie die Suche nach der ursprnglichen Bestimmung der Kreisgrben gestaltet sich auch die Suche nach der Herkunft ihrer Urheber. Fhren die Monumente auf direktem Weg zu den ersten Bauern Europas zurck? Und stammen wir Europer heute von diesen, wohl aus dem Osten eingewanderten Landwirten ab? Das zumindest hatte Prof. Joachim Burger, Anthropologe an der Universitt in Mainz, eigentlich erwartet. Doch die Auswertungen seiner Gen-Analysen im Mainzer Spurenlabor zeigen ein verblffendes Ergebnis. Die ersten Landwirte in Europa knnen nicht unsere Vorfahren sein. Denn sie haben im Erbgut des heutigen Europers keine nachhaltigen Spuren hinterlassen. D.h. andere Bevlkerungsgruppen haben sich langfristig durchgesetzt. Die Frage bleibt: wer war es dann? Vielleicht die Nachfahren einheimischer Jger und Sammler, die von der Idee der Land- wirtschaft berzeugt schon wenige Jahrhunderte spter damit begannen, sich niederzulassen und Schafe, Ziegen und Rinder zu zchten? Sind die faszinierenden Kathedralen der Steinzeit also Ausdruck dieser neu gewonnenen gesellschaftlichen Organisation?

Der Film verlsst die dichten Wlder der Nacheiszeit. Er tritt hinaus auf Lichtungen, mitten ins Leben, in die Gedankenwelt der frhen Siedler Mitteleuropas. An der Seite renommierter Wissenschaftler entdeckt er drfliche Gemeinschaften, die offenbar nicht so egalitr organisiert und friedlich waren wie bisher angenommen. Er stt auf technisch und astronomisch erstaunlich kenntnisreiche Baumeister, aber auch auf die Schdel und Skelette gewaltsam aus dem Leben befrderter Personen. In Brunnenschchten oder tief im Lssboden verborgen findet er Hinweise auf den keineswegs idyllischen Alltag von Siedlern, die erst lernen mussten, mit den Herausforderungen der Sesshaftigkeit fertig zu werden. Die einen hatten als Bauern mehr, die anderen weniger Erfolg. Und vielleicht hat sogar ein kleines genetisches Merkmal die Fhigkeit, auch im Erwachsenenalter Milch zu verdauen in der Erfolgsgeschichte der Landwirtschaft zum alles entscheidenden Vorteil gefhrt. Mithilfe spektakulrer Funde, von Reenactments, Modellbau und Computeranimationen entsteht das berraschende Bild einer Zeit, die wir bislang so nicht kannten.

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